Die Zusammenstellung der Werke von Rudolf Mauersberger auf den vorliegenden drei CDs ist eine Auswahl. Sie trägt erkennbar eine subjektive redaktionelle Handschrift. Jede Herausgabe von einzelnen Teilen eines künstlerischen Œuvres ist selbstredend eine individuelle Sichtweise. Initiator und spiritus rector dieser Edition ist Gerhardt Uhle. Mit ihm hat Christoff Andrich, Vorsitzender des Fördervereins Dresdner Kreuzchor, im Dezember 2013 das folgende Gespräch geführt:

Wie kam es zur Idee, dieses „Komponisten-Porträt Rudolf Mauersberger“ auf CDs herauszugeben?

Mein Einsatz für die Kompositionen Mauersbergers ist zunächst ein Stück weit biografisch begründet. Als Kruzianer unter Rudolf Mauersberger verdanke ich ihm als unserem damaligen „Chef“ sehr viel. Ich bin von ihm auch persönlich gefördert worden. Seit meiner Kreuzchorzeit bin ich in unterschiedlichen Chören aktiv gewesen. Dabei habe ich immer wieder Kompositionen von Rudolf Mauersberger ins Spiel gebracht. Und dann habe ich jedes Mal gemerkt, dass seine Musik den Ausführenden Freude macht, dass sie eine starke, bewegende Wirkung auf die Zuhörer hat.

Ein besonders prägendes Erlebnis war für mich die Aufführung der „Lukaspassion“ 1977 mit dem Thüringischen Akademischen Singkreis (TASK) unter Wolfgang Unger. Es war das erste Mal nach Mauersbergers Tod, dass ein größeres Werk von ihm durch einen gemischten Erwachsenen-Chor in der Dresdner Kreuzkirche aufgeführt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war es die allgemein verbreitete Meinung, Mauersbergers Werke seien ausschließlich für den Kreuzchor geschrieben worden, andere Chöre könnten (oder „dürften“) das nicht... Jenes Konzert, in dem ich selber mitgesungen habe, hatte auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass Mauersbergers Werk auch für andere Chöre geeignet ist.

Diese und andere ähnliche Erfahrungen haben mich darin bestärkt, weiter aktiv darauf hinzuwirken, Mauersberger über lokale Grenzen hinaus bekannter zu machen. Ursprünglicher Plan war die Herausgabe von Noten. Die praktische Umsetzung dieses Vorhabens gestaltete sich jedoch sehr schwierig. Dann entstand schließlich die Idee, aus Anlass des 125. Geburtstages ein CD-Projekt herauszugeben.

Welches Ziel soll das Komponisten-Porträt verfolgen?

Rudolf Mauersberger soll – neben seiner Bedeutung als Kirchenmusiker und Kreuzkantor – auch als Komponist in ganz Deutschland besser bekannt werden. Die Aufnahmen auf den drei CDs sollen ein differenziertes Bild von Rudolf Mauersberger als Komponist zeigen, die unterschiedlichen Facetten seines Schaffens deutlich werden lassen.

Allgemein bekannt sind – über die regionalen Bezüge hinaus – sein Trauerhymnus „Wie liegt die Stadt so wüst“ (ich habe davon 24 CD-Aufnahmen ermittelt) und wahrscheinlich auch das „Thüringer Choralbuch“ (bereits in Mauersbergers Eisenacher Zeit entstanden und über viele Jahrzehnte „das“ Choralbuch für den praktischen Gebrauch im Gottesdienst). Die meisten seiner Kompositionen sind jedoch weitestgehend unbekannt.

Durch die Vielfalt der Interpreten will ich die Wirkung des Werkes auch über den direkten Zusammenhang zum Kreuzchor hinaus befördern. Denn es gibt viel mehr Werke, für ganz unterschiedliche Besetzungen, für verschiedene Schwierigkeitsstufen, sowohl für einfache als auch für höhere musikalische Ansprüche. Ich denke, dass seine Kompositionen von ganz verschiedenen Ensembles musiziert werden können, in Konzerten und auch in Gottesdiensten.

Wen soll das „Komponisten-Porträt Rudolf Mauersberger“ erreichen, wie soll es verbreitet werden?

Die CDs sollen für aktive Musiker eine Anregung sein, Mauersbergers Kompositionen zu entdecken und vor allem selber zu musizieren. Viele seiner Werke sind gut singbar und sehr wirkungsvoll, was besonders für sein A-cappella-Schaffen gilt. Aus chorpädagogischer Sicht ist bemerkenswert, dass die Beschäftigung mit der Tonsprache Mauersbergers eine wertvolle Gehörschulung darstellt. Das weiß ich aus Erfahrung und das haben Chorleiter wie der (inzwischen leider verstorbene) ehemalige Leiter des TASK, Prof. Wolfgang Unger oder der Präsident des VDKC (Verband Deutscher Konzertchöre) und Leiter der Singakademie Dresden, Prof. Ekkehard Klemm, mehrfach ausgedrückt. Das Einüben und Erfassen der Klangbilder Mauersbergers im kleinen Liedsatz und in den größeren Motetten mit ihren teils sehr breit gefächerten Stimmen-Mixturen ist eine Herausforderung, an der ein Chor auch klanglich wachsen und reifen kann. Mit anderen Worten, es ist eben die Musik eines echten, erfahrenen „Chor-Pädagogen“...

Die Edition „Komponisten-Porträt Rudolf Mauersberger“ soll vor allem an evangelische und katholische Ressort-Leiter der Kirchenkreise/-bezirke (Kreis-, Bezirkskantoren, Kirchenmusikdirektoren) in den jeweiligen Landeskirchen und Chorverbänden, an die Leiter der organisierten Konzert-, Kinder- und Jugendchöre und an musikalische Ausbildungsstätten und Bibliotheken versandt werden, ebenso an ausgewählte Musiklehrer in Gymnasien und Mittelschulen, die Schulchöre leiten, so dass dann der ehemalige Kreuzkantor und Dresdner Komponist nicht nur vorwiegend regional, sondern flächendeckend im deutschsprachigen Raum wahrgenommen werden kann.

Durch die präzisen Quellenangaben auf den CDs und im Internet (www.komponistenportrait-rudolf-mauersberger.de) wird auch auf die Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) hingewiesen, wo der kompositorische Nachlass von Rudolf Mauersberger mit Manuskripten, Abschriften oder Kopien aufbewahrt wird. Somit kann der Zugang zum Notenmaterial ermöglicht bzw. erleichtert werden.

Wie entwickelte sich das Vorhaben, wie lange hat es bis zu seiner Verwirklichung gebraucht?

In den Jahren 2006 bis 2009 haben in Dresden verschiedene Chöre die Lukaspassion aufgeführt, und es sind zwei CD-Einspielungen entstanden. Ich selbst habe in den Aufführungen der Singakademie Dresden unter Ekkehard Klemm mitgesungen. Dann hatte ich die Idee, die Singakademie könne doch mit der Lukaspassion auf Reisen gehen und das Werk in Aachen und Eisenach, den wichtigsten Stationen Mauersbergers auf dem „Weg nach Dresden“ aufführen. Im Jahr 2011 – aus Anlass des 40. Todestages Mauersbergers – wurde diese Idee in die Tat umgesetzt, übrigens jeweils in Kooperation mit den dortigen Kirchenchören. Nach diesen verschiedenen Aktivitäten kam mir schon bald der Gedanke, für 2014 zum 125. Geburtstag, eine CD als Komponisten-Porträt herauszugeben. Seither, also seit nun mehr als zwei Jahren, habe ich intensiv an diesem Projekt gearbeitet.

Welche Erfahrungen hast Du bei der Verwirklichung Deines Projektes gemacht?

Meiner Idee vom Komponisten-Porträt wurde von vielen Seiten Sympathie entgegengebracht. Die meisten Menschen, denen ich von meinem Plan erzählte, haben mir Mut dazu gemacht. Die Schwierigkeiten begannen erst bei der praktischen Umsetzung. Es waren kleinere und größere Probleme der unterschiedlichsten Art, die ich stets zielstrebig zu überwinden suchte. Wenn eine Hürde genommen war, dann ging es aber auch wieder vorwärts.

Ich bin dankbar, dass der Förderverein Dresdner Kreuzchor e. V. die Herausgabe des „Komponisten-Porträt Rudolf Mauersberger“ übernommen hat. Der Verein hat durch seine Editionen in der CD-Reihe „Archiv Dresdner Kreuzchor“ Erfahrungen mit der Herausgabe von CDs. Ohne seine institutionelle Unterstützung wäre das Projekt für mich kaum zu realisieren gewesen.

Zu meiner Überraschung stieß mein Vorhaben außerhalb Dresdens, also in Sachsen und darüber hinaus, zunächst auf größeres Interesse als in Dresden selbst. Das änderte sich aber von jenem Zeitpunkt an, als ich begonnen hatte, verschiedene Musiker, Chöre, Ensembles um einen aktiven Beitrag zum Projekt zu bitten. Viele fanden dann die Idee gut, an dem musikalischen „Geburtstagsblumenstrauß“ mitwirken zu können. Dann, im Laufe des Jahres 2013, entstand auch eine gewisse Eigendynamik des Projektes.

Welche Bedeutung haben diese Kompositionen für den Kreuzchor, welche Rolle spielen sie dort heute?

Die meisten – und bestimmt auch die bedeutendsten – Kompositionen sind ja ganz direkt für den Kreuzchor geschrieben worden. Einige sind übrigens kurz nach dem Krieg aus reiner Not entstanden, weil die Notenbibliothek des Chores am 13. Februar 1945 verbrannt war. Natürlich haben diese Chorwerke zu Lebzeiten Mauersbergers einen wichtigen Platz im Repertoire des Chores eingenommen.

Heute steht Mauersberger beim Kreuzchor vor allem in den liturgischen Bezügen auf dem Programm, in Gottesdiensten, Metten, nicht zuletzt in der traditionellen „Christvesper der Kruzianer“. Auf unseren CDs sind Beiträge des Kreuzchores unter Leitung aller Mauersberger-Nachfolger vertreten.

An welche Besonderheiten während der Entstehungszeit des Komponisten-Porträts erinnerst Du Dich?

Der Hochschulchor der US-amerkanischen Universität Bloomington (Illinois) hat auf meinen Vorschlag hin das Werk „Unruh der Zeit“ für die CD neu aufgenommen. Der Chorleiter, Professor J. Scott Ferguson, hat mir danach geschrieben: „...ein atemberaubendes Stück und ich glaube, es ist für meinen Chor sehr geeignet. Es passt auch gut in unser Frühjahrs-Tour-Programm. ... Die Arbeit an Unruh der Zeit ist uns ein echter Genuss. Es ist ein wunderschönes Werk, das immer bei mir bleibt."

Ich bin sehr glücklich, dass mir verschiedene Mitwirkende sehr schnell und ganz selbstverständlich ihre Zusage gegeben haben, u. a. so renommierte Ensembles wie die Gruppe amarcord aus Leipzig und der Rundfunk-Jugendchor Wernigerode. Aber auch Neueinspielungen von nahezu unbekannten Werken, die m. E. gut für den gottesdienstlichen Gebrauch geeignet sind, wurden zuverlässig realisiert, z. B. von der sehr leistungsfähigen Kantorei aus dem sächsischen Radeberg. Darüber, dass einige dieser „Projekte“ so unkompliziert auf den Weg gebracht worden sind, bin ich dankbar.

Am Ende der Arbeit am „Komponisten-Porträt Rudolf Mauersberger“ haben sich noch zwei Dinge entwickelt, die den „reinen Weg“ eines Komponisten-Porträts verlassen: Der Thomanerchor bereichert die CD mit Neuaufnahmen von Bearbeitungen der Choralmelodie Rudolf Mauersbergers „Jauchzet, ihr Himmel“ in Sätzen der Thomaskantoren Erhard Mauersberger und Georg Christoph Biller; der Aachener Bachverein ist der Anregung gefolgt und hat neben dem Original der „Konfirmationsmotette“ meine Bearbeitung eingesungen, die einen anderen (weniger „schwülstigen“) Text unterlegt, nämlich das bekannte Lied „Vertraut den neuen Wegen“, mit Erlaubnis des Textdichters Klaus-Peter Hertzsch. Ich weiß natürlich, dass man sich durchaus darüber streiten kann, wie weit man gehen darf im kreativen Umgang mit dem Original...

Wer unterstützte das Projekt? Wie wurde es finanziert? Wem möchtest Du besonders danken?

Der Förderverein Dresdner Kreuzchor e. V. hat von Anfang an klargestellt, dass er das Projekt gern mit ehrenamtlichem Engagement und institutionellem Know-how unterstützt (das war sehr wichtig für mich!), dass es aber separat finanziert werden muss. Die finanziellen Mittel des Fördervereins konnten dafür nicht eingesetzt werden. Demzufolge wurde von uns gezielt um zweckgebundene Spenden geworben, vor allem in den Reihen der ehemaligen Kruzianer. Aber auch andere Einzelspender konnten für teilweise recht namhafte Engagements gewonnen werden. Ein größerer Teil unserer Projektkosten konnte also durch diese Spenden abgedeckt werden.

Maßgebliche finanzielle Unterstützung erhielten wir durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens. Aber auch die Kirchgemeinde Mauersberg i. Erzgeb., der Erzgebirgskreis Marienberg und die Landeskirchliche Kreditgenossenschaft Sachsen e.G. haben unser Vorhaben unterstützt. In Dresden und Mauersberg fanden Benefizkonzerte statt, deren Mitwirkende ihre Honorare gespendet haben.

Nicht zuletzt will ich erwähnen, dass die meisten Ensembles, die Neuaufnahmen produziert haben, ihre Beiträge kostenlos abgeliefert haben. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Finanzierung des Gesamtprojektes gewesen!

Allen hier genannten – und vielen anderen, die ich nicht alle aufzählen konnte – sei für ihre Beiträge zum Gelingen des Projektes herzlich gedankt. Besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. phil. habil. Matthias Herrmann von der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden (HfM) für seine sachkundige Beratung und Begleitung unseres Vorhabens. Dankend erwähnen möchte ich auch die Unterstützung durch Frau Dr. Vera Keller vom Dresdner Kreuzchor und durch den Rektor der HfM, Herrn Prof. Ekkehard Klemm.

Wie hast Du die verschiedenen Mitwirkenden gefunden, nach welchen Kriterien ausgewählt?

Zunächst habe ich alle bereits erschienenen CD-Produktionen gesichtet und überlegt, welche Ausschnitte aus diesen Werken für ein repräsentatives Komponisten-Porträt für mich unverzichtbar sind. Danach bin ich anhand des Rudolf-Mauersberger-Werkverzeichnisses (RMWV) und der in der SLUB vorhandenen Notenbestände auf die Suche gegangen, welche Werke ein Porträt vervollständigen und abrunden könnten. Dabei lag der Fokus auf der Vielseitigkeit des Werkes: Chorliteratur für unterschiedliche Besetzungen, mit und ohne Instrumente, Vokal- und Instrumentalwerke. Es sollten Werke verschiedener Schaffensperioden sein, auch Kompositionen für einfachere musikalische Ansprüche an die Ausführenden. Wichtige Arbeitsgrundlage für mich war das von Matthias Herrmann herausgegebene Werkverzeichnis und die Zugänglichkeit des Mauersberger-Nachlasses in der SLUB.

Um Ensembles für Neuaufnahmen unveröffentlichter Werke zu finden, habe ich recherchiert, wer bereits Mauersberger im Repertoire hat und diese Ensembles dann gezielt angefragt, ob sie ein bestimmtes Werk einstudieren, aufführen und eine Tonaufnahme davon produzieren können. So wurden von mir konkrete „Aufgaben verteilt“. Nach Ensembles für besondere Besetzungen (z. B. für typische Kantorei-Literatur und Choralbearbeitungen) musste ich hin und wieder etwas länger suchen.

Sehr unterschiedlich geprägte Ensembles und Künstler, vor allem der Dresdner Kreuzchor, aber auch der TASK, der Kinderchor der Dresdner Singakademie, der Dresdner Bachchor und „normale“ Kantoreien, darüber hinaus der von Rudolf Mauersberger gegründete Eisenacher Bachchor, der Aachener Bachverein, die Berliner Domkantorei, der Landesjugendchor Schleswig-Holstein, der Rundfunk-Jugendchor Wernigerode usw., sollen mit der Musik des Dresdner Komponisten auch Zeugnis von ihrer eigenen künstlerischen Leistungsfähigkeit über die Grenzen ihrer eigenen Region hinaus ablegen können. Außerdem kann durch die musikalische Mitwirkung so vieler Beteiligter deutlich gemacht werden, dass die Pflege der Mauersbergerschen Musik nicht etwa ein originär „Dresdner Phänomen“ ist, sondern von Laien und Berufskünstlern verschiedener „Herkunft“ gleichermaßen praktiziert wird.

Welches Prinzip hast Du bei Werkauswahl und -zusammenstellung für die CDs verfolgt?

Damit habe ich mich schwer getan. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, eine Werkauswahl zu „mischen“. Jede Sammel-CD verrät die Handschrift des Herausgebers. Man kann biografisch anordnen, inhaltlich nach Gattungen, Verwendungszweck oder Besetzungen sortieren, didaktisch vorgehen ... Ich habe mich schließlich für eine Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem, aus geistlichen und weltlichen Werken, aus verschiedenen chorischen Besetzungen und Instrumentalwerken entschieden. Ich hoffe, es ist ein „bunter Blumenstrauß“ zum 125. Geburtstag Rudolf Mauersbergers geworden!

 

Biografische Notiz: Gerhardt Uhle, geb. 1948, Kruzianer unter Rudolf Mauersberger, Studium Theologie in Jena und Kirchenmusik in Halle/S., Gemeindepfarrer in Bitterfeld und Dresden, Klinikseelsorger in Kreischa b. Dresden, ab 2012 in Dresden im Ruhestand