Aus der Praxis – für die Praxis
Rudolf Mauersberger als Komponist


In Sachsen hat die Kirchenmusik seit Jahrhunderten einen besonders hohen Stellenwert. Aus der historisch gewachsenen engen Verknüpfung von Kirche und Schule, Kantor und Chor kam ein Musikertyp zur Entfaltung, der aus der Praxis heraus für die Praxis schuf: als Komponist und Dirigent in Personalunion. In dieser Tradition steht Kreuzkantor Rudolf Mauersberger (1930–1971) auch bezüglich seiner Herkunft. Sein Vater wirkte im erzgebirgischen Mauersberg als Ortskantor und -lehrer, als „Kirchschullehrer“. In der Kindheit kam Rudolf genauso wie sein knapp 15 Jahre jüngerer Bruder Erhard Mauersberger (Thomaskantor 1961–1972) mit der gottesdienstlichen, liturgischen und volkskundlichen Praxis der evangelischen Kirche, dem deutschen Volkslied sowie den Weihnachtsbräuchen des Erzgebirges in Berührung – lebenslange Inspiration für Rudolf Mauersbergers OEuvre. Es umfasst die Zeitspanne 1908/09 bis 1969.

Die ersten überlieferten Werke (Orgel- und Kammermusik) entstanden während des Leipziger Musikstudiums 1912–1914. Davor ließ sich Mauersberger 1903–1909 zum Lehrer (mit musikalischer Vertiefung) am Kgl. Lehrerseminar in Annaberg ausbilden, Militär- und Schuldienst folgten (1909– 1912). Die Liebe zur Musik drängte zum Studium bei Karl Straube (Orgel), Robert Teichmüller (Klavier) und Stephan Krehl (Theorie) in Leipzig. Eindrücke aus Thomaskirche und Gewandhaus avancierten zu lebenslangen Vorbildern. Nach kurzer kirchenmusikalischer Anstellung in Lyck/Ostpreußen durfte Mauersberger während des Ersten Weltkriegs im nahen Bad Lausick als Militärkapellmeister wirken, u. a. zusammen mit Sigfrid Karg-Elert, Mitgliedern des Gewandhauses und einheimischen Choristen. Die „Tragische Sinfonie“ e-Moll, das Frühlingsoratorium „Maiwärts“ und andere konzertante Werke führte er dort auf. Nach Kriegsende entstanden Sololieder und ein Streichquartett als letztes Instrumentalwerk. Mauersberger setzte seine Orgelstudien in Leipzig fort und ging als Organist und Chorleiter nach Aachen (1919-1925). Das eigene Berufsbild als Kantor war nun gefunden. In Aachen erhielt das vokale Moment nach und nach Vorrang, was auch kompositorisch dauerhaft sichtbar wird. Geistliche Sätze und Motetten für gemischten Chor und Kinderstimmen entstanden.

Mit der Berufung zum Kantor an Bachs Taufkirche St. Georg in Eisenach und zum ersten Landeskirchenmusikwart einer evangelischen Landeskirche (Thüringen) rückte zwischen 1925 und 1930 der Choral in unterschiedlichsten Facetten in den Brennpunkt hymnologischer und kompositorischer Aktivitäten: mit neuen Melodien, Choralsätzen (Thüringer / Deutsches Choralbuch) und Choralbearbeitungen als Wechselgesänge für Soli, Chor und Gemeinde, ggf. mit obligaten Instrumenten und Orgel. Zudem erlangte der chorischinterpretatorische Aspekt durch die Gründung des Bachchors (Erwachsene) und des Georgenchors (Knaben und junge Männer) an Bedeutung. Als sich die Neubesetzung des Kreuzkantorats zeichnete, bewarb sich Mauersberger, wurde gewählt und übersiedelte zum 1. Juli 1930 nach Dresden. Was sich bisher als Auftanken vielfältigster Einflüsse zeigte, kam nun dem traditionsreichen Schülerchor in musikalischer, organisatorischer und repertoirebezogener Hinsicht zugute. Die zeitgenössische Chormusik rückte nach Schütz und Bach in die erste Reihe, das Konzertieren im Ausland wurde intensiviert (u. a. zwei Mal USA) und die liturgische Präsenz in den Vespern und Gottesdiensten der Kreuzkirche am Altmarkt verstärkt. Eigenes Komponieren beschränkte sich zunächst auf Volksliedbearbeitungen und weihnachtliche Musik in Verbindung mit der „Christvesper“ am Heiligabend, der „Christmette“ am ersten Weihnachtsfeiertag, später der „Ostermette“.

Mit Spruchvertonungen im Jahre 1940 ist die eigentliche Wiederaufnahme der kompositorischen Tätigkeit auszumachen, durch sein privates Umfeld ausgelöst. Was nun verstärkt zum Stimulus des Komponierens wurde, sind jene Bedrückungen, die während der NS-Diktatur, der Kriegsund Nachkriegszeit deutlich werden. Zwei abendfüllende Werke, das „Dresdner Te Deum“ (1944/45) und der „Weihnachtszyklus der Kruzianer“ (1944–1946), verdeutlichen dies, obwohl sie thematisch, stilistisch und ihrer Bestimmung nach wenig Gemeinsamkeiten haben. In Folge des von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkriegs wurde am 13./14. Februar 1945 die Dresdner Innenstadt mit Kreuzschule und Kreuzkirche total zerstört. Diese traumatische Bombennacht mit dem Tod von 11 Kruzianern setzte in Mauersberger nicht nur Schmerz, sondern die wichtigste Schaffensperiode seines Lebens frei. Die Intensivierung des Ausdrucks und der geistlichen Aussage ging mit der Verdichtung des Kompositionsstils einher – in Verbindung mit ungewöhnlichen musikalisch-liturgischen Großformen, die mehrere Chöre in getrennter Aufstellung (auf der Orgel/Chorempore, am Altar, ggf. ferngestellt), in liturgischer Kurrendekleidung mit Kerzenknaben und Glockenklang einschließt. Dazu zählen nach Bibel- und Choral-Texten die „Passionsmusik nach dem Lukasevangelium“ a cappella (1947), das „Dresdner Requiem“ mit obligaten Instrumenten (1947/48, Letztfassung: 1961) und die „Geistliche Sommermusik“ mit Orgelbeginn und -schluss (1948). In diesen Werken wird eine Brücke zwischen der Kunstmusik und der christlichen Liturgie geschlagen, was dem Kreuzkantor auch Unverständnis evangelischer Kreise einbrachte.

Der Trauerhymnus „Wie liegt die Stadt so wüst“ ist zum bekanntesten Werk Mauersbergers geworden und entstand in den Tagen vor Ostern 1945 in Mauersberg, wohin sich der Ausgebombte zurückgezogen hatte. Es eröffnet den Zyklus „Dresden“ mit A-cappella-Chören wie „Der dreizehnte Februar“ (Text Rudolf Decker) oder „Schola crucis“ (Wahlspruch der Kreuzschule). Bis in die sechziger Jahren entstanden zahlreiche geistliche und weltliche Chöre, Introiten, Volksliedbearbeitungen, meist in A-cappella Besetzung aus der Praxis und für die Praxis des Dresdner Kreuzchores, den Mauersberger mühevoll, mit viel Engagement und Liebe, ja mit großen Erfolgen neu aufgebaut und geprägt hat. Mit dem in zahlreichen Aufnahmen festgehaltenen, berühmt gewordenen „Kreuzchorklang“ hat sich Rudolf Mauersberger ein eigenes Denkmal gesetzt.

Als Komponist wollte er nie in der vorderen Reihe stehen, wollte vielmehr Werke schreiben, die für den Hörer musikalisch-formal und hinsichtlich der Aussage nachvollziehbar sind. So bezog er auch landschaftsspezifische Elemente ein. Mauersberger hat die Tonalität nie verlassen. Anregungen Alter Meister und von Vertretern der damaligen zeitgenössischen evangelischen Kirchenmusik sind seit den mittleren zwanziger Jahre gegeben, gleichermaßen jene eigengeprägte Klanglichkeit, die sich auch in den kleinen Formen manifestiert. Nach dem Tode Rudolf Mauersbergers 1971 wurde sein kompositorischer Nachlass in die Sächsische Landesbibliothek Dresden überführt, katalogisiert und das Werkverzeichnis in mehreren Etappen erstellt. Neben der „Christvesper“, dem „Dresdner Requiem“ (beide Carus Verlag) und der „Passionsmusik“ (Strube Verlag) sind des weiteren auch Sammlungen geistlicher und weltlicher Chöre (Verlag Breitkopf & Härtel) sowie die frühen Orgelwerke (Bärenreiter Verlag) ediert worden.


Prof. Dr. Matthias Herrmann (Dresden)


Literatur: Matthias Herrmann, Rudolf Mauersberger Werkverzeichnis, 2., gänzlich neu bearb. Aufl., Sächsische Landesbibliothek
Dresden 1991

/// ders., Kreuzkantor zu Dresden –
Rudolf Mauersberger, Mauersberger-Museum
Mauersberg 2004

/// Vitus Froesch, Die Chormusik
von Rudolf Mauersberger. Eine stilkritische Studie,
Marburg 2013